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B-Ebene 
Klangebenen / 
2002

Soundinstallation für den großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks

 

Heiner Blum ließ für die Dauer von 24 Stunden an der obersten Plattform der Zeil-Galerie, einer Einkaufspassage in der Frankfurter Innenstadt, eine Videokamera mit einer Festeinstellung installieren. In Verbindung mit einem Zeitsignal zeichnete sie von 0h-24h das Geschehen am und um den viel frequentierten Ausgang Zeil der S- und U-Bahnstation Hauptwache auf.

Den statischen, überwachenden Blick der Kamera und ihrer Bilder von Oben kombiniert Blum mit zeitgleich entstandenen, subjektiven Tonaufnahmen aus dem direkt darunter liegenden Bereich der Hauptwache. Indem sie ein Mikrophon durch die Zonen der B-Ebene bewegten, stellten der Künstler und ein Assistent dort eine 24-stündige Klangaufnahme her. 

Diese unterirdischen Sounds sind in fünfminütigem Abstand chronologisch fortlaufend als Loops übereinandergeschichtet. Die jeweils aktuellste Schicht ist die deutlichste, die Geräusche werden nach einem bestimmten Schlüssel stündlich leiser. Zur 24. Stunde sind die Klänge der ersten Stunden nur noch als blasse Signale unter den 288 darüber befindlichen Ton-Lagen wahrnehmbar.

Das Motiv des Andauerns und der Wiederholung findet sich auch in der Videoaufnahme. Die wiederkehrenden Muster der wenig variierenden Bewegungen von Passanten auf dem Platz vermitteln den Eindruck eines visuellen Gleichklangs. Die Distanz der Kamera vom Geschehen nivelliert Details und eine zeitliche Veränderung wird hauptsächlich durch die wechselnde Lichtsituation von Nacht über Tag zu Nacht deutlich.

 

 

 

Die Aufnahmen der Soundcollage und des Videosignals sind zeitsynchron miteinander verbunden und werden in der Stundenanordnung der Aufzeichnung - in einer Installation im großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks, bzw. dessen Foyer präsentiert. Die Sende- wird zur Empfangsstation, es findet eine Übertragung nicht wie üblich aus dem Rundfunk heraus statt, sondern in diesen hinein.

Die raumfüllende und raumumfassende Klangarbeit kontrastiert dabei mit der strengen Chronologie des Videosignals, das auf kleineren Kontroll-Monitoren im selben Raum gezeigt wird. 

Die Schichtung des Sounds der B-Ebene und seine Synchronisation mit darüber stattfindender Bewegung verweist auf zeitliche und räumliche Nähen, die gewöhnlich nicht wahrnehmbar sind. In seiner Arbeit transzendiert Blum diese Trennungen und schafft einen Wahrnehmungsraum, in dem Zeit, Ort, Klang und Bewegung in der Stadt sich zu einer neuen Choreografie fügen. Der Eindruck von Chaos, der entstehen kann, wenn das passende Medium fehlt, um Ordnungsstrukturen zu erkennen, wird dabei durch die abnehmende Lautstärke der vergangenen Stunden vermieden. Die Installation ist mit den Möglichkeiten des menschlichen Ohres abgestimmt, die akustische Faltung wahrzunehmen.

B-Ebene verweist auch auf Klang als Material des Rundfunks. Die Arbeit reflektiert die zahlreichen im Laufe von Jahren entstandenen Tonschichten, die im Rundfunkgebäude übereinander gelagert gleichzeitig existieren und durch die Zuordnung von Zeit und Ort der Wiedergabe einen speziellen Sinn entfalten.

 

Cornelia Schlothauer